Fahrt nach Hirschluch – Eine 360°-Wendung

Tag 1

„Wie konnte ich mich nur dazu überreden lassen?“ Genau das war mein erster Gedanke wo ich mich mit noch vier weiteren Leuten, bestehend aus drei meiner Mitschüler und Herr Micheel, auf mein Fahrrad schwang. „Komm Josi, Fahrrad fahren macht Spaß!“ waren die Worte gewesen, die mir Herr Micheel noch fünf Tage zuvor gesagt hatte. Natürlich bin ich darauf reingefallen. Ein großer Irrtum.

Das Ziel, das wir ansteuerten, war Hirschluch in Storkow. Wir wollten hier zusammen mit Jugendlichen der Einrichtung ALMA vom 11. bis 13. September 2019 Zeit verbringen, die wir zwischendurch noch mit mehreren Spielen aufwerten wollten. Hätte ich am Anfang der Reise gewusst, wie viel Spaß es doch am Ende machen würde, hätte ich bestimmt nicht so genörgelt. Nach ungefähr anderthalb Stunden Fahrt waren wir dann an unserer Herberge angekommen. Später kamen noch die Jugendlichen der ALMA und der Einrichtung ALREJU dazu. Diese kamen mit Bus und in mir quoll ein ziemlicher Neid auf, der aber auch wieder so schnell verflogen war, als ich einige der altbekannten Gesichter wieder gesehen habe.

Nachdem wir unsere Zimmer auf Vordermann gebracht hatten, fingen wir ganz klassisch mit einem Kennlernspiel, für die die neu waren, an. Hierbei musste jeder seinen Namen sagen und ein Tier nachmachen. Von Gorilla bis zur Schlange war alles dabei und ich glaub das sagt schon aus, dass wir dabei ziemlich viel Spaß hatten.

Danach fingen die ersten schon an über Hunger zu klagen und auch mein Bauch blieb nicht stumm. Natürlich wurde für unsere Verpflegung gesorgt und es wurde gegrillt. Man hatte danach am Lagerfeuer Zeit, sich mit den anderen auszutauschen, egal ob es durch Sprache oder mit Hilfe von anderen Mittel gelang. Unsere Hemmschwelle war nach dem Kennlernspiel eh schon so gut wie auf null gesunken.

Erschöpft und komplett fertig lag ich nachts in meinem doppelstöckigen Bett und wiederholte den Tag nochmal in meinem Kopf. Dabei stellte sich mir die Frage: Was ist eigentlich mein Ziel bei dieser Reise? Nach langem Grübeln stieß ich auf ein Wort: Integration. Aber was bedeutet dieses Wort? Google antwortet einem darauf mit: „Eingliederung in ein Größeres Ganzes“. Mir war klar, dass ich den Jungs und Mädchen helfen wollte, sich zu integrieren. Dafür sollen solche Projekte wie dieses ja bekanntlich da sein. Mit diesem Gedanken im Kopf schlief ich dann auch ein.

Tag2

Der Drang mein Handy zu nehmen und es aus dem Fenster zu werfen wurde immer größer, als ich das Klingeln meines Weckers vernahm. Was sein muss, muss sein, dachte ich mir und war auch schon eine halbe Stunde später im Essenssaal. Dort sickerte die Nachricht zu mir durch, dass wir ein Floß bauen würden. „Ok? Ja…und wie habt ihr euch das vorgestellt?“ sagte ich, denn wann zum Teufel baut man denn schon mal ein Floß? Da hieß es nur noch Augen zu und durch.

Ehe ich mich versah, saß ich auch schon mit den anderen Jugendlichen in einem Bus und es ging los zu einer Badestelle, wo das Ganze stattfinden sollte. Während ich kaum aus dem Bus ausgestiegen war und mich fragte, ob das Wasser nicht ein bisschen zu kalt wäre, zog sich einer der Jungen sein T-Shirt über den Kopf und seine Hose aus (er hatte natürlich eine Badehose drunter) und sprintete mit Vollgas auf das Wasser zu. Dies sorgte für viel Gelächter und gute Laune.

Die einzelnen Baugegenstände für das Floß holten wir uns aus dem gegebenen Abstellraum und wir wurden daraufhin in gemischte Gruppen eingeteilt. Ich war das einzige Mädchen in einer Gruppe voller Jungen, die sich über die Holzlatten, die Seile und die Plastikfässer beugten, sie begutachteten und dann anfingen darüber zu diskutieren, wie das funktionieren soll. Mein Problem war nur, dass ich nichts verstand. Der eine Teil der Gruppe unterhielt sich auf Französisch und der andere Teil auf Arabisch. Ich merkte schnell, dass ich hier mit meinem gemogelten Latein nicht weiter kam und beschloss auch schon die erste Maßnahme. Ich guckte mir selbst erst mal in Ruhe das Ganze an, setzte mich dann auf ein Fass und sagt nur: „Jungs, so wird das nichts!“ Sie guckten mich zuerst verständnislos an, aber ich war jetzt schon voll in meinem Element und hatte das Ruder in die Hand genommen. Ich zog mir aus beiden Gruppen jeweils denjenigen raus, der am besten Deutsch konnte, erzählte dem meine Idee und die beiden erzählten sie dann in ihrer Gruppe weiter. Erstes Problem gelöst. Nach einer Stunde tüfteln, sah unser Floß so aus als könnte es nur beim Ansehen zusammenbrechen. Wir benötigten Hilfe und nach viel Bettelei bekamen wir sie dann auch und schon schwamm unser Floß. Am Abend gab es Stockbrot und wir saßen wieder alle fröhlich zusammen.

Tag 3

Der Abschied nahte und mir wurde tatsächlich schwer ums Herz. Nachdem wir uns früh nach einer Runde Flaggen erobern zusammengesetzt hatten und besprochen hatten, was am Projekt noch ausbaufähig wäre, war es auch schon so weit. Ich konnte tatsächlich mit jemandem so verhandeln, dass sie mein Fahrrad fuhr und ich ein Platz im Bus hatte.

JACKPOT!!!

Dennoch blieb mir am Ende dieses Tages noch dieses eine Wort im Kopf. Integration. Kaum ein Wort ist in den letzten vier Jahren in den Medien mehr benutzt und ausdiskutiert worden. Es war zu einem der wichtigsten Wörter unserer Sprache geworden, von dem eine beinah hochnäsige Bedeutung mitging, die ich am Anfang der Reise auch noch für richtig hielt. Für mich war es zu 100% klar, dass wir die Jugendlichen integrieren müssen. Das stand für mich wie das Amen in der Kirche, doch es hatte sich was geändert. Als ich im Bus saß und so darüber nachdachte, viel mir nämlich auf, dass ich nicht ihnen geholfen haben sich besser zu integrieren, sondern sie mir. Sie haben mich ohne Widerspruch in die Gruppe aufgenommen und mich quasi zum Teil einer kleinen Familie gemacht. Sie haben nicht darauf geachtet, dass ich nur Deutsch konnte und es war ihnen auch egal. Es war ihnen auch egal, dass ich Christen bin. Sie haben mich so akzeptiert wie ich bin. Sie haben mir beigebracht mit mehr Toleranz durch das Leben zu gehen und mit mehr Neugier in Hinblick auf andere Kulturen. Das Ziel meiner Reise hatte sich um 360 Grad gewendet.

Ich war weder dadurch erschüttert oder darüber verärgert, sondern glücklich und dankbar, dass solche Projekte mir so eine Möglichkeit geben. Das ich durch dieses Projekt neue Leute kennenlernen durfte und erfahren durfte, dass sie so viel mehr als geflüchtete Jugendliche waren. Ich bedanke mich aber am meisten dafür, dass dieses Projekt mir die Chance gab mich besser zu integrieren und dass es jedem anderen auch diese Chance gibt. Neben dem Wort Integration gibt es noch zwei Wörter, die man hier lernt, die weniger in den Medien als dieses eine Wort vorkommen, aber eigentlich wichtiger sind. Bei den Wörtern handelt es sich um: Toleranz und Akzeptanz. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Wörter hier lernen und umsetzen durfte und ich würde diese Erfahrung jedem empfehlen.

geschrieben von Josefine Bilješko (Klasse 10c)